Author: Sina Muscarina

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Heutzutage stehen viele homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen offen zu ihrer sexuellen Identität. Doch auch Schwule und Lesben werden älter und brauchen ambulante oder stationäre Betreuung. Ist das Pflegepersonal auf die speziellen Bedürfnisse dieser Klientel vorbereitet? Die Berner Fachhochschule nahm die Pflege- und Betreuungsausbildungen unter die Lupe.

Im Jahr 2050 werden in der Schweiz rund drei Millionen Menschen 65 Jahre alt oder älter sein und der Anteil von homo- oder bisexuellen Menschen dürfte je nach Schätzung zwischen 90‘000 und 300‘000 Personen liegen. Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LGBTI)werden dadurch zu einer Personengruppe, die zukünftig in den Alters- und Pflegeheimen bemerkbar sein wird. So werden vermehrt Stimmen laut, dass LGBTI ihre sexuelle Orientierung und Identität auch im Alter offen leben können sollten. Somit stellt sich die Frage, wie gut in der Schweiz das Pflege- und Betreuungspersonal ausgebildet wird, um den spezifischen Bedürfnissen von LGBTI gerecht zu werden.

Dieser Frage ging das Institut Alter der Berner Fachhochschule im Auftrag von Pink Cross und LOS nach. In einer Online-Befragung gaben Ausbildungsstätten in den Bereichen Pflege und Betreuung an, inwiefern sie ihre Studierenden auf die Bedürfnisse ihrer LGBTI-Klienten vorbereiten. Denn noch heute fürchten sich ältere Schwule und Lesben vor Diskriminierung und das Thema Sexualität im Alter ist bei vielen Spitex-Diensten und Heimen tabuisiert, was Partnerschaften und soziale Kontakte von LGTBI-Menschen belastet.

LGBTI-Themen fehlen in den Lehrplänen weitgehend

Die Resultate sind vielleicht nicht überraschend, für manche LGBTI wohl aber eher ernüchternd: In der Grundausbildung hat das Thema LGBTI im Alter kaum Platz. Nur rund ein Drittel der Befragten geht davon aus, dass die Studierenden das nötige Rüstzeug erhalten, um in ihrem Berufsalltag auf die spezifischen Bedürfnisse von LGBTI eingehen zu können. Begründung für die fehlende Berücksichtigung von LGBTI im Alter: Das Thema sei zu nebensächlich.

Die Lücken in den Lehrplänen werden insbesondere von den Westschweizern erkannt. Nur die Hälfte der befragten Romands gibt an, dass das Thema LGBTI im Alter im Lehrplan verankert ist, und 75% bemerken, dass mehr Wissen zum Thema „Identität, biographische Besonderheiten und Selbstakzeptanz“ nötig wäre – in der Deutschschweiz sind dies bloss 44%. Doch auch was die soziale Ungleichbehandlung, Altersbilder sowie Partnerschaft und soziale Beziehungen von LGBTI betrifft,  erkennt rund die Hälfte der Befragten Lücken in den Lehrinhalten.

Der Röstigraben zieht sich somit auch durch die Pflegeausbildung im Bereich LGBTI im Alter. Es scheint, dass insbesondere in der Westschweiz Aufholbedarf besteht. Übernimmt die Deutschschweiz bei der Wissensvermittlung im Bereich LGBTI im Alter eine Vorreiterrolle oder haben die Ausbildungsstätten der Westschweiz selbstkritischer geantwortet? Dies lässt sich nicht ganz einfach abschätzen. Eins lässt sich jedoch sagen: Das Potential, dass dem Thema LGBTI in Zukunft zugesprochen wird, wird in der Deutschschweiz mehrheitlich grösser eingeschätzt als in der Westschweiz. Dort sieht rund die Hälfte der Befragten in dem Thema keinerlei Potential für den Unterricht.

Studierende zeigen Interesse

Anders sehen dies jedoch die Studierenden. Insbesondere in der Romandie tragen diese oft Fragen zur Lebenssituation von LGBTI- Menschen an ihre Dozierenden heran – meist auch im Bezug zum Thema HIV+/Aids. Während Dreiviertel der Lehrverantwortlichen in der Westschweiz von Anfragen, Rückmeldungen und Interessebekundungen der Studierenden berichten, tun dies in der Deutschschweiz „nur“ die Hälfte. Das Interesse der Studierenden scheint also geweckt – es bleibt abzuwarten, ob dieses auch auf die Studiengangverantwortlichen übergreift.

 


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I am happy to share information about the INTIMATE Summer School ‘The Good, the Bad and the Monster. Queers, Crips and (Other) Misfits off the edge of the map’, that will take place in Coimbra (Portugal), in May 2018. 

You can access the complete Call for Participants here:

INTIMATE Summer School

I claim: my right to be a monster […]
My right to explore myself

To reinvent myself
To take my mutation as my noble exercise.

Susy Shock | “yo monstruo mio”

The image of the monster has been historically used to epitomise danger, abnormality, sin. Even before angels, monsters were portrayed as messengers who anticipated catastrophes, such as storms and other dramatic events which would be too strong to be explained. Only good behaviour, submission to rules or faith into another inexplicable bigger entity, such as magic, witchcraft or religion, could prevent societies to be touched by monsters.

The othering of monsters – or monsters as estranged from an imagined “us” – is part of the cultural narrative that dismisses the complexity of what we call humans, contributing to the binary division between good and bad, silencing all of which exists in-between. Indeed, monsters inhabit the spaces in-between narrow definitions and expose the failure of rigid divisions between “normal” and “abnormal”. Ultimately, the figure of monsters confronts us with the precariousness of by-default normativities, triggering the need to rethink what humanity is, and, ultimately, who counts as a human being.

The INTIMATE Summer School embraces monstrosity in what it offers regarding the undoing of binaries and the celebration of embodied differences. We aim to explore who are the contemporary monsters, what are the dichotomies they challenge and how narratives on monsters contribute to definitions of human. We want to explore monsters as a possible theoretical figuration to escape mainstream celebrations of humanity and to embrace the vivid possibilities offered by interdisciplinary, boundary-crossing contributions from different fields of knowledge. We aim at creating spaces to discuss contributions and experiences that often fall out of the map even within critical studies. Also, we interrogate the possibilities of creating knowledge from places of estrangement regarding mainstream sources of knowledge production in the academic fields of LGBTQ and critical studies.

Drawing on timely, interdisciplinary theoretical contributions and intersectional empirical work on queers, crips and other misfits, the INTIMATE Summer School will consolidate academic knowledge in the fields of sexual and gender dissidence, disability and other forms of embodied misfit.
List of Confirmed Speakers
AG Arfini, Department of Social and Political Sciences of the University of Milan
Ana Cristina Santos, Centre for Social Studies (CES), University of Coimbra
Bruno Sena Martins, Centre for Social Studies (CES), University of Coimbra
Gaia Giuliani, Centre for Social Studies (CES), University of Coimbra
Joacine Katar Moreira, CEI-IUL – Center for International Studies, ISCTE – IUL
Lucas Platero, CSIC – Spanish National Research Council
Ulrika Dahl, Centre for Gender Research, Uppsala University
Zowie Davy, Centre for LGBTQ Research De Montfort University

Fees
250 € – Early bird fee;
300 € (After 28th February 2018)
150€ for CES PhD students (up to 3)
[Price includes tuition, all materials, all coffee breaks and lunches during the Summer School]

Location
Museum of Water, Coimbra.
The space is easily accessible by public transports and has accessibility facilities inside.

Eligibility
Applicants should be PhD students in the fields of Social Sciences and Humanities interested in exploring the issues of gender, LGBT, queer, disability/crip and related areas. Topics of interest include:

  • biopolitics/necropolitics
  • crip and/or disability studies
  • critical (in)human rights
  • decolonial and postcolonial studies
  • fat studies
  • mad studies
  • monstrous embodiments
  • queer studies
  • sexual and gender dissidence

How to submit your application
To apply, please click HERE
[Deadline for applications: 5 January 2018 | Incomplete applications cannot be considered]

Minimum and maximum number of participants: 15 – 25 participants
This Summer School will use english as work language

Contact for further information
monstersummerschool@ces.uc.pt

Organization: Ana Cristina Santos, Ana Lúcia Santos, Luciana Moreira, Mafalda Esteves, Mara Pieri and Rita Alcaire.
Organized by the ERC Research Project INTIMATE – Citizenship, Care and Choice: The Micropolitics of Intimacy in Southern Europe, Centre for Social Studies, University of Coimbra, Portugal.

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© INTIMATE – ERC Research Project

Sina Muscarina war 15, als sie spürte, dass sie mit einem monogamen Beziehungskonzept nicht glücklich wird. Heute ist die Psychologin Expertin für Polyamorie. Warum geheime Affären und freie Liebe nichts im gleichen Topf zu suchen haben, beleuchtet sie im Interview.

Bild 1707_N_Polyamorie_neu.jpgBUNT WIE DIE MENSCHHEIT. Das „klassische“ Frau-Mann-Modell ist heute nur noch eines von vielen Liebeskonzepten (©Shutterstock)

Dass sie ein Interview gibt, ist nicht selbstverständlich. „Sehr lange war die Berichterstattung über uns schrecklich“, erklärt Sina Muscarina ihre mediale Enthaltsamkeit. Über einen Kamm geschoren mit der „freien Liebe“, landeten polyamoröse Menschen zumeist in einer schmuddeligen Ecke. Nur innerhalb der Community sprach die Psychologin über das Thema, das nicht nur Schwerpunkt ihrer Diplomarbeit war, sondern auch ihr persönliches Liebeskonzept. „Jetzt befinden wir uns endlich in einem Wandlungsprozess; Polyamorie ist nicht mehr so klischeebehaftet, das Interesse ist breiter“, sagt sie.
Sina Muscarina gehört zum Organisationsteam der transdisziplinären Konferenz „Nicht-Monogamien und kontemporäre Identitäten“ („Non-Monogamies and Contemporary Intimacies“) ab 31. August in Wien; aus ihrer Diplomarbeit ging ein Buch hervor: „Polyamorie. Mehr als eine Liebe“ (siehe Zusatzbericht).

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie definieren Sie Polyamorie?
Sina Muscarina: Das Wort Polyamorie hat eine griechisch-lateinische Herkunft (polýs: viel, amor: Liebe, Anm.); das ursprüngliche „Polyamory“ entstand in den USA. Es bedeutet nicht freie Liebe, es ist nicht einfach Sex mit mehreren Partnern. Der Begriff umfasst mehrere Aspekte von Liebesbeziehungen.
Sie schreiben, dass sich dabei Hie­rarchien ergeben…
Es gibt zumeist die Haupt- und weitere Beziehungen bzw. die Primär- und SekundärpartnerInnen. Oftmals basiert eine Primärbeziehung auf einer Ehe, auch mit Kindern. Meine Erfahrung ist aber: Beziehungen können fließen und Hierarchien müssen nicht immer starr sein.
Wie sehen polyamorös geprägte Beziehungen aus?
Sehr unterschiedlich. So gibt es in Amerika etwa auch eine Bewegung mit exklusiven Konstellationen, die nur Leute aufnehmen, die jeweils zu allen passen. Homoerotische Menschen sind diesbezüglich schon viel weiter; auch insgesamt entwickelt sich hier sehr viel. Relativ neu ist etwa der Begriff „heteroflexibel“, um Menschen zu beschreiben, die nicht bisexuell sind, sondern nur fallweise homoerotische Erfahrungen machen.
Könnte dahinter auch Bindungsangst stecken, sich nicht auf einen Menschen festlegen zu wollen?
Wir befinden uns im Wandel; es gibt bei uns kaum noch Normen, an die man sich halten muss. Polyamorie ist ein weiteres Feld, wohin man sich entwickeln kann, aber keine Lösung für Probleme. Ich nehme Abstand von Bewertungen; ich sehe Polyamorie – im Kontrast zur Monogamie – als eine weitere Möglichkeit, glücklich zu werden.
Die Vielliebe birgt aber auch Schwierigkeiten…
Jede Beziehungsform hat ihre Berechtigung, aber: Soziale Strukturen und die Gesellschaft erkennen noch nicht alle Formen egalitär an. Ein Beispiel: Mein Partner liegt nach einem Unfall im Koma im Spital; was tue ich als Sekundärpartner? Juristisch gesehen ist das ein problematisches Feld.

AUS EIGENER ERFAHRUNG.

Die Psychologin Sina Muscarina beschreibt sich als Solopolyamoristin: Sie lebt zwar alleine, ist aber mit mehreren Partnern in verschiedenen Ländern vernetzt.

„Wir haben heute den Luxus, unser Glück ohne Maske leben zu können.“ – Sina Muscarina, Psychologin

Ist Polyamorie ein Trend?
Dass sich Beziehungskonzepte weiterentwickeln, ist gut und wichtig; früher wurde etwa aus finanzieller Notwendigkeit geheiratet, irgendwann schlich sich die Liebe in die Heirat. Wir haben hier bei uns die Freiheit, unser Glück leben zu können, weil unsere Existenz durchaus als gesichert gilt. Wir haben den Luxus, die Liebe ungleich Romeo und Julia leben zu können, die das ohne gesellschaftliche Tragik nicht konnten. Zu Polyamorie stehen zu können, bedeutet, eine Maske weniger aufsetzen zu müssen.
Sie bezeichnen sich als Solopolyamoristin. Was bedeutet das?
(Lacht) Ich lebe hauptsächlich allein und bin mit verschiedenen Partnern vernetzt, die ich beispielsweise am Wochenende treffe. Ich bin immer gern und viel gereist – und führe auch heute internationale Beziehungen. Polyamorös bin ich eigentlich, seit ich 15 Jahre alt bin.
Sie schreiben von der Transformation – das heißt: „poly“ ist man nicht, das wird man?
Das ganze Leben ist eine Entwicklung! Transformation soll dazu führen, irgendwann ohne Scham zu sich selbst stehen zu können; es gibt aber Leute, die daran zerbrechen. Man wird nicht „poly“, weil man viele Bücher darüber gelesen hat, man muss schon so veranlagt sein. Ein Ehemann, der seiner Frau beichtet, dass er sie betrügt, ist deswegen nicht „poly“; so funktioniert das nicht. Heimliche Geliebte zu haben, ist für mich ein defizitäres Modell, weil dabei immer irgendwer draufzahlt. Polyamoröse Menschen – das hörte ich in meinen Interviews für mein Buch immer wieder – spüren ein Leben lang, dass „normale“, monogame Beziehungen nichts für sie sind; sie fühlen sich als Außenseiter. Weil sie sich oft nicht in soziale Netze eingebettet fühlen, nehmen sie schließlich ein großes Wagnis auf sich. Das Outing, wie man früher bei Homosexuellen sah, kann mit sehr vielen Problemen behaftet sein, auch bis zur Scheidung führen. Und doch haben viele die psychologische Resilienz, in die dunkelsten Winkel ihrer Seele zu schauen, Schwierigkeiten zu überwinden, weil es am Ende des Tunnels schöner ist als zuvor – wenn man seine Maske endlich abgelegt hat.

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Worin liegt nun der große Unterschied zu Affären?
In der Ehrlichkeit! Aber: Gerade in polyamorösen Beziehungen braucht die Wahrheit auch den richtigen Zeitpunkt. Wenn mein Primärpartner gerade einen Todesfall zu verarbeiten hat, wird er keine Lust haben, sich über neue Beziehungspartner zu unterhalten.
Kennen Sie auch polyamoröse Beziehungen mit Kindern?
Ja. Ich habe eine Familie kennengelernt, die zu dritt lebte: ein Ehepaar mit der Geliebten des Mannes und außerhalb der Wohnung hatte auch die Ehefrau eine weitere Beziehung. Wenn es den Eltern gut geht damit, ist das für Kinder absolut ok, die sind wertfrei. Wenn im ethischen Sinne alles korrekt abläuft, niemand misshandelt wird, ist das für Kinder vertretbar. Probleme können in Form von Vorurteilen kommen, aber zu erklären, dass das beispielsweise eine Freundin vom Papa ist, ist integrierbar.

KURZ & BÜNDIG: Sina Muscarina ist gebürtige Salzburgerin; bis zu ihrem jüngsten Umzug in die Schweiz lebte sie in Wien. Sie studierte an der Universität Wien Psychologie; in ihrer Diplomarbeit erarbeitete sie biografische Analysen nicht-monogamer Beziehungen „als Beitrag zur Herstellung von akademischer Öffentlichkeit für die Anliegen vielfach liebender Menschen“.
„Polyamorie. Nicht nur eine Liebe – Herzen zwischen Erfolg und Hoffnung“ gab sie kürzlich als Buch im Eigenverlag heraus (ISBN 9783737567961; E-book: ISBN 9783737567954). Muscarina lebte bereits in New York, Lissabon und Berlin; Weiterbildung und Selbsterfahrung machte sie in
den Bereichen Kunst, Therapie und Krankenpflege.

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Internationale Konferenz in Wien
Die Psychologin ist Teil des Organisationsteams für die von 31. August bis 2. September 2017 stattfindende transdisziplinäre internationale Konferenz „Non-Monogamies und Contamporary Intimacies“ an der Wiener Siegmund Freud Universität. Der Ausgangspunkt: Traditionelle Praktiken und Vorstellungen von Ehe und Familie waren in den letzten Jahrzehnten rapiden Veränderungen ausgesetzt – von transnationalen Familienstrukturen bis zur zunehmenden Akzeptanz der „Homo-Ehe“. Im Fokus: Diese Transformationen – auch im Hinblick auf das Spannungsverhältnis etwa zu Monogamie – bergen sowohl gesellschaftliche Herausforderungen als auch Möglichkeiten.
sinamuscarina.wordpress.com
www.polyamory.at
nmciconference.wordpress.com

LIFESTYLE | 31.07.2017

„ES WAR EIN AHA-EFFEKT!“

Leben und Lieben als „Poly“: Elisa Meyer, 31, erzählt.

Fast menschenhoch stapeln sich die Bücher in der kleinen Wohnung: Sie waren Nahrung für ihre Doktorarbeit über Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. An der Tür in Richtung Schlafzimmer treffen einander ausgeschnittene Bilder von schönen Dessous und Brautkleidern. Ob sie einmal heiraten mag? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, lacht die 31-Jährige. „Aber ich mag die Kleider.“
Das Werk des großen Schriftstellers hatte die Germanistin aus Luxemburg nach Wien gelockt, geblieben ist sie wegen ihrem Freund Sebastian…? Das wäre womöglich eine romantische Vorstellung, aber Elisa Meyers Liebesgeschichte ist komplexer. Sebastian ist nämlich ihr sogenannter Primärpartner; für ihn war es neu, sie hat bereits Erfahrung: Beide lieben immer wieder auch andere PartnerInnen, sie leben in polyamorösen Beziehungen.
Dass sie mit dem monogamen Konzept nicht glücklich wird, weiß Elisa Meyer, seit sie etwa 19 Jahre alt ist. Mitten in einer wunderbaren Beziehung verliebt sie sich damals in einen zweiten Herrn – und will und kann es nicht vor ihrem Partner geheimhalten. Die Beziehung(en) gehen in die Brüche, die junge Frau ist verletzt. „Ich war schockiert, weil ich alles kaputtgemacht habe.“ Nach jahrelangem freiwilligen Singledasein wagt sie einen zweiten monogamen Versuch – und scheitert. Da entdeckt sie den Begriff „Polyamorie“. „Es war ein Aha-Effekt, quasi eine Lösung“, erinnert sie sich. Sie beschließt, komplett in die „Poly-Szene“ einzutauchen, dort sollten „die Richtigen“ zu finden sein. Weil aber die Liebe selten nach Plan funktioniert, klappt es mit Sebastian, ihrem heutigen Partner, in einem ganz anderen Kontext.

ELISA MEYER, 31, ERZÄHLT.

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(©Privat)

Kuschel-Stunden.  Er bewirbt sich bei dem von ihr gegründeten Verein, der professionell Kuschel-Stunden anbietet. Die diplomierte Kuschlerin findet ihn auf Anhieb sympathisch, bald funkt es. Dass „seine“ Elisa „poly“ ist, nimmt Sebastian unterschiedlich auf. „Manchmal will er nichts über andere hören, weil er zu fokussiert ist auf mich. Man muss sicher immer anschauen, was der andere gerade verträgt“, betont Elisa Meyer. Eine Zeit lang waren die beiden mit einem zweiten Mann unterwegs, sie hatte immer wieder auch Sekundärpartner; dass Sebastian andere Frauen datet, ist neu. „Er ist damit noch etwas überfordert und unsicher, aber ich freue mich sehr mit ihm. Ich fiebere mit wie bei einem Fußballspiel“, schmunzelt Elisa Meyer. Wenngleich polyamoröse Beziehungskonzepte ganz unterschiedlich aufgebaut sein können, so gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Es gibt keinen Betrug, man erzählt sich alles. „Weitere Beziehungen können meine Beziehung sehr positiv beeinflussen; er ist dann nicht so abhängig von mir“, findet sie.
Vorurteile. Elisa Meyer scheint mit ihrem Liebeskonzept in Harmonie zu sein. Was sie traurig macht? „Wenn man sich in Menschen verliebt, die ebenso empfinden, nur eben nicht poly sein können oder wollen. Ebenso schlimm: Leute, die zwar zustimmen, sich aber emotional nicht einlassen. Das wird dann nur ein Gewurschtel.“ Ein Vorurteil sei es nämlich, „Polys“ wollten nur Spaß. Tatsächlich gehe es um ehrliche, tief empfundene Gefühle. „Wer poly sein will, muss sehr an sich arbeiten“, weiß Elisa Meyer. Ihr Herzenswunsch: „Dass es einfacher wird, öffentlich übers Polysein zu sprechen – und dass man gerade als Frau dafür nicht geächtet wird.“

These are the Keynotes held at the 2nd Non-Monogamies and Contemporary Intimacies conference at Sigmund Freud University in Vienna, Austria

*Alex Iantaffi: “From monochrome to polychrome: working therapeutically and systemically with consensually non-monogamous people”

*Jingshu Zhu, “We’re Not Cheaters”: Polyamory, Mixed-Orientation Marriage and the Construction of Radical Honesty

*Andreas Brunner: “Intimacy under the condition of prosecution: Gay male relationships in Vienna between 1938 and 1945

*Mollena Williams: “A Sublime Dichotomy: How One Black Woman found Strength & Freedom in Consensual BDSM”

*Christian Klesse: “Polyamory – Identities, the Law and Sexual Orientation Thinking”

 

 

Ich freue mich, darüber zu informieren, dass das Buch zur Paraflows Konferenz 2016 erschienen ist. Darin wurde auch mein Artikel über meinen Konferenzbeitrag zu  “Polyamorie – Mehr als eine Liebe” veröffentlicht. Ein herzlicher Dank gebührt Günther Friesinger für den link zum freien download des Buches in digitaler form. Nachfolgend sind weitere Informationen:

ID/ENTITY

Entwürfe – Erzählungen – Perspektiven

Auf Basis sich verbreiternder Informationsmaterialien und damit auch vielfältiger Angebote zur Arbeit am Ich wird die Frage nach dem Bauplan des modernen Subjekts neu reflektiert. Insbesondere Aspekte der Normierung sowie des Verhältnisses unseres Ichs zum Netz und den damit verbundenen Machtstrukturen finden sich in der Auseinandersetzung. Als Quelle von Sinn und Erfahrung grenzt Identität immer auch an Prozesse der Sinnkonstruktion, der Identifikation, an persönliche oder soziale Ziele und kulturelle Attribute. Die Baumaterialien unserer Identitäten sind vielfältig: Religion, Biologie, Klasse, Rasse, Geschlecht, Kollektive, Phantasie, Kultur sowie Zeit sind nur einige der Quellen, auf die wir bei der Konstruktion unseres Ichs zurückgreifen. Durch mediale Prozesse und Simulationen stellt sich zunehmend die Frage nach der Verarbeitung und Präsentation unserer Identitäten, die in Bezug auf Selbstdarstellung und soziale Rollen im Einklang, Widerspruch oder Konflikt stehen können. Dennoch stellen wir uns Identität als jene Form vor, die nach außen abgeschlossen und stabil ist und nach innen über ein Bewusstsein von sich selbst verfügt, das keine allzu großen Widersprüche aushalten muss. Inwieweit aber stellen uns aktuelle gesellschaftliche und mediale Strukturen vor die Herausforderung, diese Widersprüche zu integrieren?

Produktinformation

Hrsg.: Günther Friesinger, Thomas Ballhausen, Judith Schoßböck

Taschenbuch: 228 Seiten
Verlag: edition mono/monochrom (Oktober 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-902796-53-0

Preis: Euro 20,-

Printversion hier erhältlich     Amazon

Freier Download       ID/ENTITY (PDF) 

© edition mono/monochrom & paraflows

 

 

Zeit für Abwechslung                                     

Die kürzliche Eheschließung dreier Männer in Kolumbien bewegt die Verfechter der Polyamorie auf der ganzen Welt. “Vielliebe” bedeutet, Gefühle für mehr als nur eine Person zu hegen – und zwar nicht heimlich sondern ganz offiziell. Ob eine Dreierbeziehung wirklich funktionieren kann? City4U sprach mit der Wiener Autorin und Psychologin Sina Muscarina, die das Buch “Polyamorie – Nicht nur eine Liebe” verfasst hat, über ihre Sicht der Dinge:

# Polyamorie statt ständiger Seitensprünge

“Seitensprünge sind mit viel Heimlichkeit verbunden”, thematisierte Sina bereits im Februar im Interview bei “Gspusi Cast”. Auch sie selbst lebt die Polyamorie. Weltweit hat sie sich schon mit polyamorösen Menschen getroffen, die unter anderem aktivistisch engagiert sind. Das polyamore Leben ist für Leute, die die Monogamie vertreten, schwer nachzuvollziehen. Oft genug hört man allerdings von Beziehungen, die wegen einiger Seitensprünge mit immer derselben Person in die Brüche gehen – ist hier keine Parallele vorhanden?

19144066_472318036447221_8708230500557309590_oc: Atma Natalia Stech

“In meinem Buch behandle ich biographische Analysen nicht-monogamer Beziehungen”, so die Psychologin aus Wien. Affären offenzulegen, funktioniert in der Monogamie selten und nicht nur eine Ehe ist vermutlich daran zerbrochen. Polyamoröse Menschen fühlen sich in einer Beziehung, die monogam geführt wird, unwohl und sehen diese als “Kompromiss” – aus diesem auszubrechen, ist allerdings ein großer Schritt.

# “Vielliebe” ist nicht wie eine offene Beziehung

Die Polyamorie darf man aber nicht falsch verstehen. Es bedeutet nämlich nicht, sich einen Freibrief zum Fremdgehen verschaffen zu wollen! “Es bewegt sich weit weg von offenen Beziehungen, denn bei einem polyamorösen Lebensstil geht es um die Liebe und nicht nur um das Sexuelle! Ein Seitensprung ist nicht immer gleich mit der Liebe auch zu dem anderen verbunden”, unterstreicht Sina im Gespräch. Sie selbst hat viel ausprobiert und verschiedenste Phasen durchlebt: “Es gab in meinem Leben auch andere nicht-monogame Verhältnisse, aber in der Polyamorie habe ich mich sofort zuhause gefühlt, denn es ist genau das, worum es mir persönlich geht!”

# Dreier-Ehe in Kolumbien: Aufruhr im Netz

Polyamorie ist ein weltweites Thema. Anlässlich der kürzlich geschlossenen Dreier-Ehe in Kolumbien wurde in Bezug auf diese Thematik allerdings eine große Diskussion losgetreten. “Für mich eklig und nicht vollziehbar”, kommentiert ein User. Verständnis wird beim Thema “Vielliebe” heutzutage noch sehr klein geschrieben – die Reaktionen ziehen das Ganze eher ins Lächerliche, wie ein anderer User beweist: “Fantastisch – und wann darf ich jetzt endlich mein Schaf heiraten?”

# Mit Polyamorie findet eine Abgrenzung statt

“Polyamorie ist eine Identifikationsmöglichkeit”, erklärt die Autorin Sina Muscarina. Es ist schwierig, sich mit einem polyamorösen Lebensstil offiziell sozial einzubetten. Die “Vielliebe” entspricht nicht den vorgegebenen Normen – zumindest bisher. Ob mit diesem Schritt Kolumbien nun zum Vorreiter der restlichen Welt geworden ist, wird sich herausstellen! Eines ist allerdings sicher: Der polyamoröse Lebensstil ist für monogam lebende Menschen gewöhnungsbedürftig – auch,um diesen zu verstehen, bedarf es Toleranz.
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Polyamorie – Mehr als eine Liebe@paraflows Id/entity: Perspektiven – Rekonstruktion des Selbst und Alternativen

Auf Basis sich verbreiternder Informationsmaterialien und damit auch vielfältigen Angeboten zur Arbeit am Ich wird die Frage nach dem Bauplan des modernen Subjekts neu reflektiert. Insbesondere Aspekte der Normierung sowie des Verhältnisses unseres Ichs zum Netz und damit verbundene Machtstrukturen finden sich in der Auseinandersetzung. Als Quelle von Sinn und Erfahrung (Castells) grenzt Identität immer auch an Prozesse der Sinnkonstruktion, der Identifikation, an persönliche oder soziale Ziele und kulturelle Attribute. Die Baumaterialien unserer Identitäten sind vielfältig: Religion, Biologie, Klasse, Rasse, Geschlecht, Kollektive, Phantasie, Kultur sowie Zeit sind nur einige der Quellen, auf die wir bei der Konstruktion unseres Ichs zurückgreifen. Durch mediale Prozesse und Simulationen stellt sich zunehmend die Frage nach der Verarbeitung und Präsentation unserer Identitäten, die in Bezug auf Selbstdarstellung und soziale Rollen im Einklang, Widerspruch oder Konflikt stehen können.

Dennoch stellen wir uns Identität als jene Form vor, die nach außen abgeschlossen und stabil ist und nach innen über ein Bewusstsein von sich selbst verfügt, das keine allzu großen Widersprüche aushalten muss. Inwieweit aber stellen uns aktuelle gesellschaftliche und mediale Strukturen vor die Herausforderung, diese Widersprüche zu integrieren?

Identität ist auch Selbstbeherrschung: Das mit sich selbst identische Subjekt ist der „Staat im Staat in der ersten Person“, wie es in einem frühen Song der Gruppe Blumfeld heißt. Juristische Identität ist der Ausgangspunkt für den freien Willen, für die autonome Person und die individuelle Freiheit. Im Namen jener Entität, die wir in der Identität geworden sind, kommunizieren und verhandeln wir miteinander. Vor allem aber ist Identität Arbeit an sich selbst, über performative Akte oder ökonomische und kapitalistische Anrufungen. So verwalten und verwerten wir uns und werden dadurch auch berechenbar: nicht nur da, wo uns Identitätswaren im Sinne der Gruppenzugehörigkeit oder eines Lebensstils angeboten werden. ©paraflows2016

Paraflows – Festival für digitale Kunst und Kulturen